organisiert von: Alte Schmiede
Location: Alte Schmiede, Schönlaterngasse 9, 1010 Wien
Url: https://www.alte-schmiede.at/programm/2019-01-08-1900/

Obwohl Louise Michel keine Gelegenheit ausgelassen hat, im Kampf zu sterben, erreicht sie ein hohes Alter. Eva Geber hat die politischen Schriften, Briefe und Gedichte der französischen Kommunardin, Anarchistin und Feministin teilweise übersetzt, gesichtet und aus diesen Quellen ein fesselndes Erzählwerk zwischen Fakt und Fiktion montiert. Individuell und voller Humor entsteht ein Bild des Kampfes um Gleichheit, Bildung und Gerechtigkeit. Die Sprache ist sprunghaft, kraftvoll, übermütig und voller Humor. Hineingeworfen in die Erinnerungen von Louise Michel gelingt es der Autorin mühelos, das Umfeld sichtbar zu machen und geschichtliche Ereignisse lebhaft zu vermitteln. »Man hat am Ende dieses Buches ein bisschen weniger Fortschrittsstolz und ein wenig mehr Zukunftshoffnung«, schreibt Ruth Klüger im Vorwort.

Die Stadt war nie wach ist ein junges Buch, inhaltlich und sprachlich. Fünf Jugendliche entdecken die Welt und sich selbst in diesem beinahe kollektiv erzählten Roman. Die Perspektive springt zwischen »ALLEN FÜNF«, auch im Text immer in Versalien geschrieben, hin und her. Der Roman ist konsequent queer geschrieben, die Innensicht der Jugendlichen nicht von Geschlechterkategorien determiniert. Verschiedene Ichs kommunizieren mit anderen Dus, Kategorien haben da keinen Platz, ansonsten ist alles, wie es nun mal ist: Pubertät, das Entdecken der eigenen Sexualität, das Aushandeln von Rollen in der Gruppe, Geburtstagsfeiern, Gruppenchats, dabei sein wollen und sich doch fremd fühlen. Bis es nicht mehr ist, wie es nun mal ist. Sprachlich nuanciert erzählt Lilly Axster vom Umgang mit sexuellem Missbrauch und der Toxizität des Schweigens.

Bevor man weggeht, muss man wissen, woher man kommt, sagt Lena in Sarah Rinderers Text Mutterschrauben zu ihrer Großmutter und begleitet sie auf einem virtuellen Spaziergang durch Planá. Wie die Großmutter macht sie sich auf den Weg in eine neue Welt, die Bedingungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Wenn ihre Großmutter die Lieder ihrer Kindheit summt, ist es Propaganda. Ihre frühere Heimat Kuttenplan heißt heute Planá, Marienbad ist heute Mariánských Lázní. Die Kindheit ist geprägt von Hunger, Krieg und Vertreibung. Vielleicht wächst man im Alter wieder in den Mantel seiner Kindheit hinein, dieser Vermutung geht der Text nach. Und der Frage, ob Geschichte erzählbar ist und welche Geschichten erzählt werden. Sarah Rinderers Texte arbeiten mit dem Zusammenfügen und Überlagern verschiedener Bedeutungsebenen. Ihr Augenmerk auf Strukturen und Texturen verweist auf ihre Beschäftigung mit bildender Kunst.

zeitdiebin – linker und radikaler Kalender für Wien